Prof. Dr. Dr. Reinhard Werth
LMU München

 

 

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Forschung

 

Legasthenie

Bewusstsein

 

Legasthenie

Lesen ist eine komplexe Tätigkeit, an der unterschiedliche Hirnfunktionen beteiligt sind. Die Störung jeder dieser Hirnfunktionen kann eine Lesestörung verursachen. Was üblicherweise als "Legasthenie" bezeichnet wird, ist eine Zusammenfassung von Lesestörungen, die auf unterschiedliche Ursachen zurückführbar sind. So vielfältig die Ursachen einer Lesestörung sind, so vielfältig müssen auch auf diese Ursachen gerichtete Therapieverfahren sein.

Um einen Text flüssig zu lesen, müssen die Augen für genau berechnete Zeitintervalle auf eine bestimmte Stelle innerhalb eines Wortes gerichtet sein. Während dieser Zeitintervalle muss die Größe des zu lesenden Wortsegments oder Wortes bestimmt werden, das betreffende Wort oder Wortsegment muss "im Ganzen" gesehen werden und die entsprechende Lautfolge und die Bedeutung einzelner Wörter und Wortfolgen müssen aus dem Gedächtnis abgerufen werden. Gleichzeitig muss der Zeitpunkt und das Ziel des anschließend auszuführenden Blicksprungs programmiert werden. Während des Blicksprungs müssen Sehfunktionen unterdrückt werden und sie müssen sich nach erfolgtem Blicksprung vollständig erholen.

Damit diese Funktionen fehlerfrei ablaufen können, bedarf es des komplexen Zusammenwirkens zahlreicher Gebiete des Gehirns. Zu ihnen zählen Strukturen des Sehsystems, Strukturen, die visuelle Aufmerksamkeitsleistungen steuern, Hirnstrukturen die verschiedene Gedächtnisleistungen hervorbringen und mehrerer Gebiete des Gehirns, die Augenbewegungen programmieren und ausführen. Jede dieser Strukturen des Gehirns kann in ihrer Funktion gestört sein. Das Ergebnis ist eine Lesestörung, deren Ursache jedoch nicht ohne weiteres erkennbar ist.

In einem Forschungsprojekt wurden Kinder mit Lesestörungen unterschiedlicher Ursache untersucht und es wurde ein PC – gestütztes Diagnose- und Therapieprogramm entwickelt. Die Software enthält sowohl Programme zur Diagnose der Ursachen der Lesestörungen als auch Programme zur gezielten therapeutischen Beseitigung oder Umgehung dieser Ursachen. So werden z.B. Buchstaben, Buchstabenverbindungen, Wortsegmente, Wörter und Texte unter solchen Testbedingungen auf dem Monitor dargestellt, dass sie die Ursache der Leseschwäche erkennen lassen und die Reaktionen der LeserInnen werden vom Computer gemessen. Die mittels eines Abspielsystems gezeigten Übungstexte sind der Art und Schwere der Lesestörung angepasst und so bearbeitet, dass die für das Lesen kritischen Parameter kontrolliert werden können. Dazu wurden attraktive Texte aus Erstlesereihen ausgewählt. Für ältere LeserInnen werden spezielle Texte entwickelt. Ein integriertes Statistikprogramm ermöglicht TherapeutInnen, LehrerInnen und Eltern die Entwicklung der Leseleistung zu verfolgen und dokumentiert jeden Lesefortschritt.

Der Therapieteil enthält spezielle Übungen zur Verbesserung (1) der Fähigkeit zum Buchstabenerkennen, (2) der Fähigkeit zur simultanen Wahrnehmung und dem simultanen Erkennen von Buchstabensequenzen (Wörtern und Wortsegmenten) (3) zur Verbesserung des Abrufs der zu Wörtern und Wortsegmenten gehörenden Lautfolgen, (4) der Vergrößerung des Aufmerksamkeitsfeldes und der Reduktion des Störeinflusses von Textsegmenten auf das Erkennen anderer Wortsegmente oder Wörter, (5) einer Verbesserung der Kontrolle der Länge der Fixationsphasen und (6) einer Verbesserung der Größe, des Ziels und der zeitlichen Koordination der Blicksprünge während des Lesens. Das Programm wertet die Leistung der LeserInnen in den durchgeführten Tests und Übungen automatisch aus und gibt Auskunft über das jeweils erreichte Leistungsniveau.

In einer Studie konnte nachgewiesen werden, dass im Falle bestimmter Lesestörungen, bei etwa der Hälfte der Kinder die Fehlerrate innerhalb einer halben Stunde um 72 % abnahm, wenn sie ein gezieltes Training mit Hilfe des celeco Leselernverfahrens erhielten, in dem für das Lesen kritische Parameter kontrolliert wurden. Eine Kontrollgruppe, die nur das Lesen von Texten übte, konnte ihre Leistung in der gleichen Zeit hingegen nicht verbessern (Werth 2001).

Die vielfältigen Ursachen, die eine Lesestörung (Legasthenie) hervorbringen können, die Möglichkeiten, diese durch geeignete diagnostische Mittel zu erkennen und erfolgreich erprobte Therapieverfahren werden beschrieben in:

Werth R

Legasthenie und andere Lesestörungen

wie man sie erkennt und behebt
Verlag C.H. Beck
München

3. Auflage 2007

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Bewusstsein

Die Frage danach, wie "Bewusstsein" wissenschaftlich untersuchbar ist, ist außerordentlich komplex. Sie lässt sich weder aus neurowissenschaftlicher noch aus psychologischer oder philosophischer Sicht allein beantworten. Schon der Gegenstand einer solchen Untersuchung, verschwimmt in der Beliebigkeit des Verständnisses dessen, was Bewusstsein ist. Bereits 1913 kam der Psychologe Watson zu der Schlussfolgerung, dass Begriffe, wie der des Bewusstseins unwissenschaftlicher Ballast seien, die keinen Platz in der Wissenschaft hätten. "Denn die Vertreter derartiger Psychologien "...sagen uns nicht, was Bewusstsein ist, sondern fangen einfach an, etwas hineinzulegen" (Watson 1968). Diese Kritik ist auch heute nicht hinfällig geworden.

Eine ernsthafte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Frage danach, was Bewusstsein, subjektive Empfindungen und dergleichen sind und welches ihre neurobiologischen Korrelate sind, muss versuchen, diese Begriffe angemessen zu präzisieren und angeben, welches die Kriterien sind, aufgrund derer sich feststellen lässt, ob eine menschliche oder tierische Leistung bewusst oder von einem subjektiven Erlebnis begleitet ist, oder ob es sich um eine Leistung handelt, die ohne Bewusstsein oder subjektive Empfindung abläuft. Erst diese Präzisierung ist eine Voraussetzung dafür, dass die neurobiologischen Abläufe, die Bewusstsein auszeichnen, wissenschaftlich untersuchbar sind und dass die neurobiologischen Prozesse, die das Bewusstsein auszeichnen, überhaupt erkennbar werden.

Eine Präzisierung des Bewusstseinsbergriffs wurde im Rahmen methodologischer und neuropsychologischer Untersuchungen durchgeführt. An hirngeschädigten Patienten wurde gezeigt, auf welche Weise die Entstehung eines bewussten visuellen Eindrucks im Gegensatz zu einer unbewusst ablaufenden Verarbeitung von Sehreizen im Gehirn quantitativ messbar ist und welches die zugrundeliegenden neuronalen Prozesse sind. Die Ergebnisse wurden beschrieben in

Springer-Verlag
Berlin Heidelberg New York Tokyo

1983

Verlag C.H. Beck
München
Wie Wahrnehmung und freier Wille im Gehirn entstehen
2010

Eine der am schwersten nachvollziehbare Veränderung des Bewusstseins, die durch eine Hirnschädigung ausgelöst werden kann, ist das fehlende Bewusstsein der Existenz einer Raum- und/oder Körperhälfte, eine Störung, die als "Neglect" bezeichnet wird. Die Patienten richten Kopf und Augen nicht mehr in eine Raumhälfte, Objekte in dieser Raumhälfte werden nicht beachtet, als existierten sie nicht. So werden z.B. nur Speisen auf der rechten Hälfte eines Tellers gegessen, beim Zeichnen eines Objekts wird dessen linke Seite nicht dargestellt. Die Patienten waschen und bekleiden eine Körperhälfte nicht und rasieren nur eine Hälfte des Gesichts. Sie sind weder fähig, den Arm einer Körperhälfte oder ein Objekt z.B. links von ihnen zu finden. Sie äußern sich nicht über eine Raum- und/oder Körperhälfte und scheinen Äußerungen anderer Personen über eine Raumhälfte oder über eine ihrer Körperhälften nicht zu verstehen. Trotz normaler Intelligenz, verhalten die Patienten sich ganz so, als hätte eine Raum- und/oder Körperhälfte aufgehört zu existieren. Im Rahmen eines Forschungsprojekts wurden die diagnostischen Kriterien für diese Störung präzisiert, die zahlreichen verschiedenen Phänomene, in denen die Störung zum Ausdruck kommt und die neuronalen Grundlagen der Störung untersucht. Die Ergebnisse wurden beschrieben in

Verlag C. H. Beck
München

1998

Eine literarische Beschreibung der wesentlichsten Phänomene findet sich auch in:

R. Werth:
Hirnwelten

Berichte vom Rande des Bewußtseins

 

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